Klimagoodies - Thema "Wald": Interview mit Tabea Selleneit von MIYA e. V.

Im Interview mit Tabea Selleneit von MIYA e. V.

Was ist MIYA?

Der MIYA e. V. hat sich vor zweieinhalb Jahren als gemeinnütziger Verein gegründet. Unsere Hauptaufgabe ist es, urbane Grünflächen zu schaffen und so das Stadtbild aufzuwerten und die Lebensqualität in Städten zu verbessern. Hierfür pflanzen wir Tiny Forests, also Miniwälder, an. Unsere Pflanzaktionen gestalten wir dabei partizipativ, z. B. mit Kindern von anliegenden Kitas oder Schulen, die die Tiny Forests auch als grüne Klassenzimmer nutzen können. Hierfür haben wir auch ein eigenes Bildungskonzept erarbeitet mit dem wir Kindern, aber auch Erwachsenen, eine Verbindung zur Natur und ökologisches Wissen vermitteln wollen.

 

Wie nehmen die Kinder das an?

Das Pflanzen macht den Kindern immer sehr viel Spaß. Unsere Aktionen haben auch eine große Selbstwirksamkeitserfahrung. Die Kinder sind stolz darauf ihren gepflanzten Bäumen beim Wachsen zu zuschauen und wenn wir ein Jahr später die Tiny Forests besuchen sind sie neugierig, wie es ihren Bäumen geht und ob sie schon Knospen oder Blätter tragen.

 

Was bedeutet “Wald” für Euch im Verein?

Unsere Tiny Forests sind im Durchschnitt 200 – 300 qm groß. Schon aufgrund der kleinen Größe zählen Tiny Forests laut des Bundeswaldgesetzt nicht zu den Wäldern. Wir als Verein würden Wald aber eher als ein gesundes, diverses Ökosystem definieren, dass Lebensraum für eine Vielzahl von Organismen, Insekten und Bodenlebewesen bietet. Für die Gestaltung eines solchen gesunden Ökosystems betreiben wir einen aufwändigen Bodenaufbau. Wir untersuchen die zumeist degradierten und verdichteten Böden, lockern sie dann und geben nach Bedarf Kompost und Terra Preta zu. Im Anschluss pflanzen wir sehr divers mit 20 – 30 verschiedenen Baumarten und Sträuchern. Je nach Bodenbeschaffenheit, Standort und klimatischen Bedingungen treffen wir die Pflanzenauswahl. Hierbei bewerten wir u. a., welche Vegetation an dem Standort natürlich wäre, wenn hier keine Stadt stände. Auch betrachten wir die aktuellen Gegebenheiten, z. B. schauen wir uns die Sonneneinstrahlung und den Schattenwurf an, welche durch umliegende Gebäude beeinflusst werden. Für die standortangepasste Auswahl an Pflanzen greifen wir fast ausschließlich auf heimische Gehölze zurück.

 

Warum eignet sich die Miyawaki-Methode nicht für größere Flächen?

Die Methode ist für kleine Flächen im urbanen Raum entwickelt worden und zielt darauf ab, ein gesundes Ökosystem in relativ kurzer Zeit dort zu etablieren, wo es bislang keins gab.

Unser Verein ist aber auch bestrebt größere Flächen zu renaturieren, jedoch ist die Miyawaki-Methode hierfür nur bedingt geeignet, weil sie zu aufwendig und teuer wäre. Die Methode erfordert einen hohen initialen Aufwand sowohl in Bezug auf die Bodenvorbereitung als auch auf die Beschaffung und Pflanzung einer Vielzahl von Pflanzen.  Aus diesem Grund ziehen wir für die Gestaltung größerer Flächen eher die Idee von Diversitätsparks in Betracht. Hierbei könnten wir kleine Inseln mit der Miyawaki-Methode schaffen, aber auch andere offenere Flächen wie Blühstreifen, Obstwiesen und Wasserretentionsflächen integrieren. Auf diese Weise könnten wir eine höhere Diversität an verschiedenen Ökosystemen erzeugen, anstatt einfach nur große Flächen dicht zu bepflanzen.

Insbesondere auf ländlichen Flächen, die bereits eine Vielzahl von Mikroorganismen im Boden aufweisen, wäre diese Herangehensweise kostengünstiger, weniger aufwendig und erfolgsversprechend.

 

Eignen sich denn Tiny Forests auch zur Bepflanzung von Dächern?

Unter Begriffen wie „Dachgarten“ findet man bereits vergleichbare Konzepte für divers angelegte Ökosysteme auf Dächern, die mitunter auch Bäume umfassen. Jedoch ist es nicht einfach Bäume auf Dächer zu pflanzen. Der Wind in den Höhen erschwert die Verankerung der Bäume. Auch muss viel Bodensubstanz angeliefert werden und das Gewicht dessen ist dann eine Herausforderung für die Statik. Diese und weitere Faktoren machen die Anpflanzung von Tiny Forests auf Dächern sehr schwierig. Dennoch sind Dachbegrünungen sehr sinnvoll, aber eignen sich andere Konzepte hier gegebenenfalls besser.

 

Du hast ja auch schon Euer Bildungskonzept angesprochen. Welche Ziele verfolgt Ihr mit eurer Bildungsarbeit?

Unser größtes Ziel ist, die Verbindung zwischen den Menschen und der Natur zu stärken. Wir beobachten immer wieder, dass es hier eine Entfremdung gibt. Mit dieser geht auch eine wichtige Selbstwirksamkeitserfahrung verloren: die Erfahrung mit den eigenen Händen etwas zu erschaffen und verändern zu können. Auch vermitteln wir einfaches ökologisches Wissen. Wir erklären viele Zusammenhänge, zum Beispiel die Rolle von Insekten und Vögel für Bäume, und fördern so das ökosystemare Denken. Wir glauben, dass das Wissen gerade für junge Generationen, die in Zeiten der Klimakrise hineinwachsen, wichtig ist. Wir arbeiten immer nach den Prinzipien der BNE, also der Bildung für Nachhaltige Entwicklung, und stellen das konkrete Handeln der Teilnehmer*innen in den Vordergrund. Wir sind davon überzeugt, dass die Lernerfahrung größer ist, wenn alle mit entscheiden und im Rahmen eines tollen Tages mit erschaffen können. Dabei arbeiten wir sowohl mit Kitas und kleinen Kindern als auch mit Seniorenheimen zusammen und bieten hier ein alters- und zielgruppengerechtes Bildungsangebot. Wir sind auch immer offen für neue Flächen und Projektideen. Wir hatten sogar schon eine Anfrage von einem Friedwald.

 

Tiny Forests sind nach 2-3 Jahren autarke Systeme. Wie groß ist der Pflegeaufwand bis dahin? Und, wie groß werden diese eigentlich?

Unsere Tiny Forests sollen in den ersten zwei bis drei Jahren während der hitzigen Sommer gegossen und möglicherweise übermäßiger Unkrautwuchs entfernt werden. Danach sollen die Miniwälder komplett sich selbst überlassen werden. Nach zehn – 15 Jahren werden Baumpflegemaßnahmen notwendig, um ggf. anliegende Wege zu sichern. In den ersten Jahren wachsen die Wälder durch die starke Konkurrenz der Pflanzen um Licht sehr schnell und gepflanzte Bäume sind nach drei Jahren bereits übermenschengroß und erreichen irgendwann normale Baumgröße. Wir können dabei aber nie voraussagen, welche Arten besser angepasst sind und sich durchsetzen. Das heißt, nach 100 Jahren können da drei oder auch zehn eher mittelgroße oder ganz große Bäume stehen.

Das Design von den Wäldchen ist sehr individuell. Sie können ohne Wege und ohne Zugangsmöglichkeit sehr dicht angelegt werden. An anderen Orten legen wir auch Wegesysteme an oder Freiflächen mit Sitzgelegenheiten für ein grünes Klassenzimmer an. Da gibt viele Gestaltungsmöglichkeiten.

 

Zum Schluss: Was ist das Besondere an MIYA?

Unser Verein setzt sich dafür ein, ökologisches Handeln und Wissen im Rahmen von Gemeinschaftsaktionen oder -projekten zu vermitteln. Wir möchten so Menschen dazu inspirieren, sich aktiv einzubringen und einen positiven Beitrag für die Umwelt und die Gemeinschaft zu leisten. Zugleich möchten wir Mensch und Natur wieder näher zusammenbringen.

Auch besonders ist unsere Arbeitsweise. Wir sind ein junges und entspanntes Team und kreieren unsere eigene Arbeitswelt. Dabei ist die Vereinsführung ein großer Lernprozess für uns. Wir waren auch schon vor der Gründung alle befreundet und so arbeiten wir auch freundschaftlich zusammen. Das bringt auch Herausforderungen, aber vor allem viel Freude mit sich. Diese Freude geben wir bei unseren Aktionen immer gerne weiter.

 

Wann findet die nächste Pflanzaktion statt? Werden die Termine auf Eurer Website bekanntgegeben?

Alle  Termine in Brandenburg, Berlin und weiteren Bundesländern finden im November statt. Die Termine werden auf der Website und über unseren Newsletter bekanntgegeben.

 

Vielen Dank für das Interview!

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Das Projekt „BrandenburgKlima“ wird gefördert durch die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt.